Ulrike Sanne über Martina Reder und ihre Kunst


Martina Reder auf ihrer Bonner Ausstellung im Sommer 1998

zurück zur Startseite


Martina Reder wurde 1966 in Rostock an der Ostsee geboren. Die Nähe zum Wasser prägte sie ganz immens und lenkte ihr künstlerisches Anliegen in bestimmter Weise.

Nach einer zunächst nicht kunstbezogenen Berufsausbildung arbeitete sie in den Jahren 1984 bis 1988 an verschiedenen Theatern in Annaberg, Bautzen, Stralsund und Rostock.

1985 kam ihre Tochter Sophia zur Welt. Von 1988 bis 1991 studierte Martina Reder an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden und schloß ihr Studium als Diplom-Maskenbildnerin ab. Bis 1992 arbeitete sie als Maskenbildnerin am schleswig-holsteinischen Landestheater in Flensburg.

1992 begann sie ein weiters Studium der Malerei, Grafik und Bildhauerei in Dresden bei den Professoren Hopfe, Klotz, Weidensdorfer und Reinemer. Seit dem Erhalt des Diploms im Juli 1997 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin.

Bei den hier ausgestellten Bildern handelt es sich um Aquarelle. Für jedes Bild reißt Martina Reder sich ihren Malgrund individuell zurecht. Das Format bleibt zwar häufig rechteckig, hebt sich aber von genormten Malgründen ab. Die, durch das Reißen, ausgefransten Kanten erinnern an handgeschöpftes Papier. Es handelt sich hier aber um spezielles Pflanzenfaserpapier, welches durch die einzelnen Holzfaserpartikel in sich eine bewegte und organische Struktur aufweist. Durch die Wahl eines viereckigen Formates schafft sie einen spannungsreichen Kontrast zu den überwiegenden kreisrunden Formen in ihren Bildgefügen.

Martin Reder beschäftigt sich in ihren Bildern inhaltlich wie auch formal in der Gestaltung mit dem Wesentlichen oder genauer ausgedrückt mit dem Ursprünglichen.

Es geht in ihren Bildern nicht um die Darstellung eines Individuums mit seiner Persönlichkeit und seinem Charakter. Sie zeigt den Menschen, das Wunderwerk der Natur in seiner Vollkommenheit.

Es geht um das Selbst - es geht um den Ursprung allen Seins.

Ihre Bilder wirken auf mich sehr religiös, zum einen inhaltlich, da sie sich thematisch mit einer der grundlegendsten Fragen jeglichen Daseins beschäftigt - mit dem Ursprung. Zum anderen bedient sich Martina Reder in ihren Bildern Formen, die in ihrer religiösen und psychologischen Deutung in fast allen Kulturkreisen, Religionen und Weltanschauungen in ihrer Bedeutung identisch sind.

Bei der ersten Betrachtung ihrer Bilder ist mir sofort der Kreis, der mich an Mandalas erinnert, als immer wiederkehrende Form in all ihren Arbeiten aufgefallen.

Der Kreis, als bildbeherrschendes Motiv, ist eine in sich abgeschlossene Form - ohne Anfang - ohne Ende, eine isolierte Form, die keine Richtung sucht, keine Ausdehnung zeigt - die vollkommenste aller Formen.

Symbolisch weist der Kreis schon bei den alten Völkern wie z.B. den Etruskern auf eine gottgeordnete Welt hin. Die Kombination von Kreis und Quadrat steht als symbolischer Ausdruck für die Ganzheit des Universums und bildet die Grundstruktur des Mandalas. Im Buddhismus z.B. versucht der Yogi, während er meditiert, mit Hilfe des sich sichtbargemachten Mandalas, zu sich selbst zu finden. Das Zentrum des Mandalas ist Buddha. Er ist repräsentativ für die Ganzheit, die absolute Wirklichkeit und das reine Sein. So versucht der Buddhist mit der Hilfe des Mandalas, welches im Sanskrit 'Kreis' bedeutet, Buddha und durch ihn sich selbst zu finden.

Aber auch bei uns wandte der Schweizer Psychiater und Psychologe Carl-Gustav Jung die Erstellung des Mandalas als therapeutische Maßnahme zur Selbstfindung sowohl bei seinen Patienten wie auch bei sich selber an.

Auch Kinder stellen sich unbewußt schon in frühsten Bildern als Kreis dar, wobei dieser nicht gestaltet wird, um das eigene Ich zu verhüllen. Ringsherum werden Dinge, wie z.B. ein Hund oder ein Ball dargestellt, die die kindliche Erfahrungswelt widerspiegeln.

Martina Reders Bilder wirken beruhigend auf den Betrachter, durch die scheinbare Symmetrie und klare Bestimmbarkeit des Gesehenen. Zum Beispiel die Arbeit mit dem Titel `Membryo´ besteht ausschließlich aus Kreisformen, die nichts wollen, keine Richtung haben, fast nicht greifbar sind. Doch verfügt dieses Bild über eine ungeheure Bewegung, Kraft und Dynamik. Es werden mehrere Kreise übereinander, zum Teil in sich verschmelzend wie eine Spirale, angeordnet. Am nächsten zum Betrachter liegen die kleinen inneren Kreise. Unterstützt wird dieser Eindruck durch den Farbverlauf von gelb - grün im äußeren Bereich zu einem warmen Rot - Ton in dem inneren Ring. Rot aber auch als Farbe des Feuers, der Kraft und Energie. In der Mitte des kleinsten Kreises / im Zentrum befindet sich ein Auge, reduziert dargestellt durch ovalähnliche und runde Formen. Es steht symbolisch für das Sichtbarwerden der Seele, für Weisheit und Allwissenheit. So wie Gott sieht das symbolische Auge alles. Vielleicht handelt es sich bei diesem Bild um eine Selbstdarstellung, vielleicht zeigt dieses Bild den Prozeß sich selbst zu finden. In jedem Fall ist dies ein Anliegen von Martina Reder.

Die von dem bildbeherrschenden Motiv des Kreises ausgehende Ruhe für das Auge des Betrachters, wird in vielen Bildern in Kontrast gesetzt zu einer schlangenähnlichen, sich durch das Bildgeschehen windenden Form. Im Gegensatz zu dem Kreis sucht diese Schlange viele Richtungen, schlängelt sich um den Kreis, verschmilzt mit ihm oder verbindet fließend mehrere Kreise miteinander. Der Betrachter empfindet keinen Einbruch in die Ruhe des Bildgeschehens, sondern ein harmonisches, fließendes Spiel zwischen den Kreisformen und der Schlange, die symbolisch auch für den Hüter des Wassers steht.

Die Technik des Aquarells mit seinen vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten unterstützt diesen Eindruck. Man kann Farbflächen nebeneinandersetzen, man kann die Farben willkürlich oder auch gezielt ineinanderfließen lassen oder sehr transparent eine Form über die andere legen. Aquarellfarben sind im Fluß.

Wie auch bei ihren Bildern beschränkt sich Martina Reder in der Ausarbeitung ihrer Skulpturen auf das Wesentliche. Insbesondere bei der `Schwebenden´. Es handelt sich um einen weiblichen Torso, der scheinbar nur aus zusammengesetzten Rundungen besteht. Martina Reder verzichtet auf eine anatomisch genaue Ausarbeitung von Kopf und Körper. Sie reduziert die Figur auf betont weibliche Rundungen, die in fluß geraten - ohne Ecken und Kanten - ohne Makel - wie aus Wasser geformt. Die `Schwebende´ reckt ihren Kopf nach oben. Ihre großen geschwungenen Lippen, ihre gewölbten Nasenflügel, ihre geöffneten großen Augen - alles sieht nach oben - streckt sich sehnsüchtig, hingebungsvoll gen Himmel. Der ganze Körper streckt sich - ist in gespannter Haltung. Sie scheint Zeit und Ort vergessen zu haben und ist völlig auf sich selbst bezogen. Da treffen pulsierende Weiblichkeit und Sinnlichkeit - auch Erotik - in dieser von fließenden Formen beschriebenen Figur aufeinander.

Die Skulpturen `Magische Zeichen´ sind noch stärker reduziert auf einfache Formen. Aus einer Kugel entsteht eine zweite; man kann den Prozeß einer Teilung miterleben. Mich erinnern diese Skulpturen an Zellteilung, an Wachstum. Als Wiedererkennungsmerkmal ist wohl auch hier der Kreis, diesmal im dreidimensionalen Raum als Kugel zu benennen. Martina Reder hat ihren Stil und ihre Inhalte gefunden.

Sie selber sagt: `Sieh in allen Dingen die Vollkommenheit, wir alle sind absolut einmalige und vollkommene Wesen. Wir alle haben den selben Ursprung - nähren uns aus der gleichen Quelle. Es ist Zeit uns wieder zu verbinden, in unser Zentrum zurückzukehren. Dazu ist es wichtig innezuhalten, alles zu stoppen um ganz in sich fallen zu können, zu den Wurzeln... der Liebe.

Bevor ich sie jetzt entlasse und sie Zeit haben sich von Martina Reders Bildern in den Bann ziehen zu lassen, möchte ich Sie noch auf ein, ihr sehr am Herzen liegendes Projekt, aufmerksam machen.

Wie bereits vorhin erwähnt hat Martina Reder 1997 ihr Diplom für Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden gemacht. Ihre Hauptarbeit war ein Brunnen mit dem Titel `diorao´, welches aus dem lateinischen kommt und soviel wie hindurchschauen / hindurchblicken bedeutet. Mit diesem, aus Keramik bestehenden Brunnen, will sie die Kraft und Energie des Lebens und der Natur am Beispiel des Wassers verdeutlichen. Sie möchte Kerngedanken ihrer künstlerischen Arbeit als eine Botschaft möglichst vielen Menschen vermitteln und sucht nun einen festen geeigneten Platz, der der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Ich persönlich könnte ihn mir sehr gut an einer Kirche oder vielleicht in einem kleinen Park verstellen. An einem Ort, wo dem Betrachter die Zeit und die Muße bleibt ihn auf sich wirken zulassen. An einem Ort, wo der Betrachter die Kraft des Wassers als pulsierendes mächtiges Element, aber auch sein sanftes, ruhiges Fließen beobachten kann -erleben kann.

Ich wünsche uns und Martina Reder, daß ihr Brunnen und damit auch ihre Botschaft bald einen geeigneten Platz gefunden haben wird und der Öffentlichkeit zugänglich sind wird.

Ulrike Sanne, Bremen im Sommer 1998


zurück zur Startseite